Bachs 17. Nachfolger

Monatelang suchten die Thomaner nach dem perfekten neuen Chorleiter. Bis sie merkten, dass der beste Mann schon lange da ist: Ein Besuch bei Gotthold Schwarz, der sich an seine neue Rolle noch gewöhnen muss.

An einem Donnerstag im August steht Gotthold Schwarz vor den Thomanern und simuliert die Geräusche eines Schafes. „Mäh“, ruft Schwarz. „Määäääähhhhh!“ Dabei läuft er wie ein Affe auf und ab und kratzt sich unter den Achseln. Denn er, Schwarz, findet, dass sich der Gesang seiner Thomaner gerade irgendwie schief angehört habe. Das will er seinen Schülern deutlich machen. Der Kantor als Clown. Die Jungen lachen. Kurz darauf setzen sie erneut zum Singen an, und plötzlich: stimmt jeder Ton.

Der Probensaal im Alumnat des Thomanerchores, Hillerstraße, Leipzig. Etwa 100 Jungen stehen hier, es ist schon spät am Nachmittag, und es ist nicht immer einfach, diese Jungs diszipliniert zu halten. Aber Disziplin, die ist Gotthold Schwarz wichtig. Wenn es nötig ist, dafür mal einen Affen zu spielen, der Schafgeräusche macht – dann tut er das. Gotthold Schwarz, 17. Nachfolger Johann Sebastian Bachs als Leipziger Thomaskantor, beherrscht die Kunst, seine Schüler mit Humor und Charme zu bändigen. Seit wenigen Wochen ist der 64-Jährige im Amt, ein großer, schmaler Mann, immer noch drahtig wie ein Turner, mit Bart und buschigen Augenbrauen. Einer, der diesem Chor schon ewig verbunden ist, aber von dem niemand dachte, dass er zu dem werden könnte, was er jetzt ist: Chef der Thomaner, dieses jahrhundertealten Knabenchores mit einem Ruf wie Donnerhall.

Nach der Probe bittet er zum Gespräch ins Alumnat – jenes Haus, in dem die Thomaner üben und leben. Es hat eine Weile gedauert, einen Interviewtermin zu verabreden. Schwarz ist jetzt ein gefragter Mann. Nun sitzt er da, unter einem – klar – Porträt Johann Sebastian Bachs. Der war Thomaskantor von 1723 bis 1750. Fast 300 Jahre ist das her. Aber noch immer denkt fast jeder, der „Thomaner“ hört: Bach!

Es ist Schwarz ein wenig unangenehm, jetzt hier zu sitzen. Und interviewt zu werden. Er wirkt, von Anfang an, besonders bescheiden, besonders demütig. Vielleicht liegt dies an dem kleinen Wunder, das ihm passiert ist, indem er zum Kantor befördert wurde: Schwarz ist ein grandioser Musiker. Aber im Thomanerchor hat er sich stets als Mann der zweiten Reihe empfunden.

Über viele Jahre war Schwarz Stimmbildner für die Knaben und eine Art Stellvertreter des großen, alles überstrahlenden Thomaskantors Georg Christoph Biller. Biller, als Chorleiter eine Berühmtheit, in Leipzig eine Legende, amtierte von 1992 bis 2015. Dann trat er krankheitsbedingt zurück. Schwarz sollte den Chor interimistisch leiten, bis ein Nachfolger gefunden ist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 37 vom 1.9.2016. Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Es gab unzählige Bewerbungen, mehrere Spitzenleute wurden zur Probewoche geladen, Chorleiter aus ganz Deutschland und auch aus dem Ausland übten mit den Thomanern, mussten sich vor einer Jury beweisen, in der Thomaskirche einen Gottesdienst gestalten, Konzerte aufführen.

Dann kam der Tag der Entscheidung, und: Es fiel keine. Offenbar, das sagt aber niemand offiziell, war die Findungskommission mit keinem der Kandidaten in der Endauswahl wirklich glücklich. Was der Findungskommission aber sehr wohl auffiel: Dieser Mann, der den Chor da so tadellos durch die Übergangszeit manövriert hatte – machte der seine Arbeit nicht ganz wunderbar? Dieser Mann, das war Gotthold Schwarz. „Irgendwann rief mich unser Oberbürgermeister an und fragte, ob ich es nicht machen wolle“, sagt Schwarz.

Und, wie fühlte sich das an, so plötzlich gefragt zu werden? „Ach, nun. So war es eben“, antwortet er.

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